Kritik und der eigene Weg

labyrinthGute Kritik ist etwas, nach dem sich nicht nur Autoren sehnen. Sie hilft, eigene Schwächen zu erkennen, neue Richtungen einzuschlagen und bisher ungekannte Wege zu beschreiten. Kurzum, sie hilft, besser zu werden.
Aber was ist gute Kritik?

Viele kennen sicherlich die Geschichte von dem alten Mann, dem Jungen und dem Esel. Was auch immer die drei versucht haben, irgendjemanden gab es immer, der ihnen erklärte, SO wäre es falsch. Leider ist es so auch mit den (gut gemeinten) Ratschlägen, die man erhält: Jeder rät, was er für das Beste hält, und nur zu oft widersprechen sie sich radikal. Sind sie deshalb schlecht?

Punkt 1: Zielgruppe

Die beiden Aussagen, die ich von zwangsbeglückten Lesern (Familie und Freunde) am Häufigsten zu hören bekomme, sind folgende:
A) Du hast einen ganz eigenen und tollen Sprachstil und eine schöne Schreibweise, aber die Geschichten sind zu grauslich.
B) Die Geschichten an sich sind super, aber die Ausdrucksweise ist zu kompliziert und veraltet.

Widersprüchlicher könnten sie wohl nicht sein. Trotzdem machen sie mir kein großes Kopfzerbrechen, denn bei aller Kritik muss man sich immer vor Augen halten, was man selbst möchte. Ich möchte grausliche Geschichten schreiben. Und ich finde es gut, einen eigenen Schreibstil zu haben, altmodisch wie er ist. Ich fordere meine Leser gerne, wie ich auch selbst gefordert sein will: Inhaltlich und sprachlich.

Daher bleiben diese beiden Punkte mir überlassen und unverändert.
Zu meinem Glück gibt es aber auch Aussage
C) Die Kombination aus der eigenartigen Wortwahl und den merkwürdigen Geschichten ist es, die den Reiz für meine Stammleser ausmacht.

Punkt 2: Verständlichkeit

Trotz aller Liebe zur Eigenständigkeit, sollte eine Geschichte doch vor allem von den Lesern verstanden werden. Möglichst, ohne ihm das Erlebnis der eigenen Erkenntnis vorzuenthalten — es ist genauso reizlos, alles bis ins kleinste Detail erklärt zu bekommen, wie am Ende mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf dazusitzen und keine Ahnung zu haben, was jetzt eigentlich passiert ist.

Das ist teilweise eine sehr herausfordernde Gratwanderung, denn der Autor weiß schließlich, worauf er hinaus will (oder sollte es zumindest wissen). Hierbei helfen Testleser, die erklären, wie sie die Geschichte aufgefasst haben (was manchmal zu überraschenden Ergebnissen führt) und wo sie das Gefühl haben, nicht genügend Information bekommen zu haben.

Punkt 3: Richtigkeit

Eine korrekte Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion sollte natürlich Voraussetzung sein, auch wenn es mit all den Reformen ein wenig verwirrend ist. Dazu gibt es ja Nachschlagewerke, heutzutage sogar schon online und immer auf dem neuesten Stand. (www.duden.de)

Ich meine hier jedoch vor allem die inhaltliche Richtigkeit. Recherchen sollten zum Schreiberling-Alltag gehören, in Internet und Büchern findet man Informationen zu fast jedem Thema. Besser wären natürlich fachlich kompetente Gesprächspartner, sollten diese allerdings nicht aus dem eigenen Freundeskreis stammen, tut man sich als namenloser Autor schwer, wie ich leider festgestellt habe. Trotzdem sollte man zumindest versuchen, grobe Fehler zu vermeiden und entsprechende Kritik annehmen.

Punkt 4: Schwächen bekämpfen

Natürlich gibt es einige Dinge, die zwar immer wieder erwähnt werden, aber dennoch im Schreiballtag aktiv bekämpft werden müssen, weil sie sich eben auch immer wieder einschleichen. Die häufigsten Schreibhindernisse kurz zusammengefasst:

Wortwiederholungen

Wie wir wissen, ist der aktive Wortschatz immer um einiges kleiner als der passive. Gerade wenn man schön in Fahrt ist, flutschen ständig wie von Zauberhand die selben Worte hinein. Favoriten bei mir sind “doch” und seine Komplizen, scheinbar widerspreche ich mir einfach gerne.
Nach dem Schreiben ist also radikales Streichen, Umschreiben und Ersetzen angesagt. Wenn man nicht weiter weiß, kann man nach Synonymen Ausschau halten. Hier empfehle ich z.B. Woxikon.

Adjektive

In Schreiberkreisen wird immer wieder die Überbeanspruchung von Adjektiven angesprochen. Wie viel ist zu viel?
Ich versuche, hier zu reduzieren nach dem Motto: so wenig wie möglich und so viel wie notwendig.

Da ich generell einen eher knappen Schreibstil habe, eignen sich Adjektive einfach, um umständliche Beschreibungen zu vermeiden. Warum etwas drei Sätze lang breit treten, was in einem Wort gesagt werden kann? Dabei liegt jedoch die Betonung auf “ein Wort”  — niemand will eine Aufzählungsliste an Eigenschaften lesen. Wo ein bis maximal zwei Worte nicht genügen, sollte man der Beschreibung ihren gebührenden Platz einräumen.

Lange Sätze

Wer nicht gerade eine neue Version von Ulysses schreibt, sollte seinen Lesern den Gefallen tun und Satzmonstren den Garaus machen. Was noch während des Schreibens logisch und notwendig erscheint, ist oft fehleranfällig, schwer nachzuvollziehen und eine gedankliche Brezel, die viel einfacher und direkter geschrieben werden könnte und sollte.
Ich weiß nicht, wie es bei anderen konkret ist, aber bei mir bilden sich Sätze oft irgendwo aus ihrer Mitte heraus. Dadurch werden manchmal ganze Satzteile verschluckt, ganz zu schweigen von dem gordischen Knoten, den man seinem Leser vorsetzt. Und wie dieser geendet hat, ist schließlich bekannt.

Eindeutschen

Jede Sprache hat ihre Eigenheiten, jede kann etwas Bestimmtes punktgenau benennen, um das andere nur herumschleichen. Wer sich in mehreren Sprachen heimisch fühlt, kennt dieses Problem sicher.

In meinem Fall kämpfen in meinem Kopf Deutsch, Englisch und mein Mixdialekt um die Vorherrschaft, was manchmal zu regelrechten Kopfschmerzen führt. So gibt es zum Beispiel weder eine wörtliche Übersetzung für “Klumpert”, noch für “to draw blood”. Oft hat man auch einfach nur ein Gefühl für ein Wort, aber das auf der Zunge Liegende weigert sich, zum Vorschein zu kommen.

Hier helfen wieder Synonyme oder Wörterbücher, zur Not aber wird bei mir gnadenlos eingedeutscht. Wenn ich will, dass der Fußboden knarzt und nicht knarrt, dann tut er das, ob der Duden zustimmt oder nicht.

Fazit

Jede Kritik erfüllt seinen Zweck, selbst wenn sie nur aus “gefällt mir” oder “gefällt mir nicht” besteht (eine Begründung wäre natürlich immer wünschenswert). Vieles gibt es, über das man zumindest nachdenken sollte, auch wenn es einem im ersten Moment widerstrebt. Aber letztendlich steht jeder Autor alleine auf der Straße mit seinem Esel und muss selbst entscheiden, wie er mit ihm umgeht.

Wichtig ist, das eigene Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und offen zu sein für neue Einblicke, egal ob diese durch fremde Ratschläge oder eigene Weiterentwicklung zustande kommen. Man sollte nie davor zurückschrecken, ein Stück des Weges zurück zu gehen und die Richtung zu korrigieren.